Colonista – Multimedia-Storytelling in K

Colonista ist eine neue Multimedia-Webseite, die soeben gestartet ist. Entwickelt wurde das Angebot von zwei Kölner Journalisten: Mirko Lorenz und Jan Meier. Mirko arbeitet als freier Mitarbeiter bei der Deutschen Welle und als Medientrainer, Jan ist nach einem Volontariat an der RTL-Journalistenschule mittlerweile Sportkoordinator des RTL-Frühstückfernsehens.

Colonista soll eine Plattform für die Präsentation und Weiterentwicklung journalistischer Formate bieten. Zum Start gibt es erst einmal vier Beiträge – drei über originelle Kölner Kleinunternehmen und einen über die lokale  Motorrollerszene, in den nächsten Monaten sollen weitere Filme folgen. Aber auch Foto- und Daten-Journalismus sollen bei Colonista künftig umgesetzt werden.

Anleihen beim mehrfach preisgekrönten Multimedia-Format One in 8 Million der “New York Times” sind unverkennbar, allerdings wirken die Beiträge bei Colonista wärmer und verspielter. Sie sind in Farbe aufgenommen, enthalteten teilweise auch kleinere Bewegtbildszenen und sie sind musikalisch untermalt.

Unmittelbar vor Start der Plattform hab ich Mirko einige Fragen zu Colonista gestellt:

Habt Ihr Filmen gelernt oder seid Ihr Autodidakten?

Teils, teils. Ich habe Filmen nicht gelernt, mir kommt aber die Technik entgegen: Was früher unglaublich teuer gewesen wäre, ist heute erschwinglich. Wichtiger ist, dass man sich mit der Wirkung von Formaten beschäftigt. Bei Jan Meier ist es anders, als RTL-Volontär kennt er sich deutlich besser aus mit Kamera und Schnitt. Im Feld “Storytelling”, um das es bei Colonista ja vor allem geht,  sind wir beide Autodidakten. Hochmotivierte Autodidakten sollte man dazu sagen. Denn die vereinzelten Spitzenfilme, die man im Web ab und an findet und so nur im Web funktionieren, sind unserer Meinung nach Vorboten eines künftig weiter wachsenden, audiovisuell geprägten Multimedia-Web.

Welche Technik benutzt ihr?

Wir benutzen DSLR Kameras, nicht unbedingt die besonders teuren. Ich habe fast ein Jahr lang die einschlägigen Seiten durchforstet und natürlich kam dabei eine Super-Equipment-Liste im Wert von mehreren tausend Euro raus. Am Ende aber siegte die Vernunft und der Kontostand: Ich habe jetzt ein hochtransportables Prosumer-Equipment: Ordentliches Stativ und eine Panasonic GH2. Die filmt selbst im Wartesaal ohne Zusatzlicht in HD und passt in ein Herrentäschchen. Wichtig ist für uns vor allem guter Ton. Die Bilder dürfen zur Not auch mal schwach sein, aber da unsere Protagonisten ja erzählen sollen, frickeln wir im Moment am meisten an der Tonaufnahme. Insgesamt aber ist unsere Ausstattung wirklich erschwinglich. Für die Produktion kommt Soundslides zum Einsatz und bei den aktuellen Projekten auch zunehmend ein Videoschnittprogramm um künftig auch den HD-Look nutzen zu können. Jan arbeitet mit der Canon 550D und hat anfangs auf imovie geschnitten, ist aber mittlerweile auf Final Cut umgestiegen.

Wie entstand die Idee zu Colonista?

2008 habe ich per Zufall die Mediastorm-Seite gefunden und war begeistert. Ich bin es immer noch. Wir sind sogar nach New York gefahren, um Brian Storm persönlich kennen zu lernen (alles in meinem Hauptjob in der Innovationsabteilung der Deutschen Welle). Seitdem glaube ich, dass “Multimedia Storytelling” viele, viele Möglichkeiten für Journalisten bietet. Seit zwei Jahren führe ich Seminare zu Crossmedia/Multimedia bei verschiedenen Institutionen wie der Akademie Berufliche Bildung der Deutschen Zeitungsverlage (ABZV), bei der DW Akademie und anderswo durch. Daher ist Colonista schlicht “practice what you preach”.

Jan und ich haben uns wiederum 2010 an der RTL Journalistenschule kennengelernt. Jan war genauso begeistert, hatte aber einen unbestreitbaren Einwand: Wo kann man solche Formate denn tatsächlich realisieren? In den großen Portalen gehen die leisen Töne unter, ein oder zwei Soundslides verschwinden da einfach. Die ganz großen Themen und Auslandsreportagen können wir hier vor Ort auch nicht machen. Daraus ist dann erst die Colonista-Idee entstanden: Multimedia-Storytelling eingebettet in ein für eine bestimmte Zielgruppe verständliches Format. Der lokale Bezug ist da fast zufällig – er lag einfach nahe. Dann hatten wir Glück, dass die Colonista.de Domain tatsächlich noch frei war.

Die Themen, die wir bei Colonista abdecken wollen, drehen sich am Ende um einen Aspekt, der auch andere Webfilme antreibt: Es gibt eine Nachfrage nach interessanten, tiefer gehenden Beiträgen, nach einer Ästhetik, die sich abhebt von allem, was man im klassischen Fernsehen sieht. Geschichten vom Leben, Geschichten auch vom Überleben. Draußen ist vieles so verwirrend, dass eine Geschichte über eine Friseurin aus Nippes interessant ist, wenn die etwas zu erzählen hat. “Hairdresser on Fire”, eine der ersten Stories bei Colonista, ist genau das.

Du bist ja eigentlich Fachjournalist und Medienberater. Wie passt eine lokale Plattform in Dein Portfolio? Oder möchtest Du bewusst auch mal ganz etwas anderes machen?

Ich habe wie viele andere Journalisten sehr früh mit diesem Beruf angefangen und mich über lokale, regionale Zeitungen allmählich rein gearbeitet. Als ich mich 1995 selbständig gemacht habe, war das schon von denselben Wünschen und Zielen getrieben wie heute auch: Ich will gute, wirkungsvolle Geschichten erzählen. Nicht mehr, nicht weniger. In den letzten vier Jahren, seit ich als Freier bei der Deutschen Welle bin, wurde eigentlich immer deutlicher das Qualität, gute Geschichten und eine Stärkung des einzelnen Journalisten in seinen Möglichkeiten der vielleicht beste Beitrag zur Zukunft des Journalismus ist. Das interessiert mich, da kenne ich mich aus und das ist das Feld, in dem ich bleiben und besser werden möchte. Durch Colonista haben wir uns jetzt ein eigenes Spielfeld geschaffen, um diesem Bemühen um Qualität einen Rahmen zu geben.

Und: Ich lebe mittlerweile länger in Köln als irgendwo sonst. Die Geschichten liegen vor der Haustür – die bisherige Erfahrung war mehr als positiv: Man geht als Macher ganz anders durch die eigene Stadt, wenn man ein solches Format im Rücken hat.

Plant Ihr Kooperationen?

Im Moment nicht. Erst einmal sollte unser Format wirklich professionelle Ansprüche erfüllen. Außerdem steht ja noch die Frage im Raum, ob das überhaupt irgendjemanden interessiert. Wir haben nichts gegen Kooperationen, wollten aber gerade zum Start maximale Kontrolle ausüben. Jetzt ist erst einmal ein Jahr üben, üben, üben angesagt. In einem großen, hektischen Portal würden unsere Filmchen einmal durch den Wolf gedreht, danach verschwinden. Das ist ja aktuell für alle in diesem Segment ein Problem: Bei YouTube oder Vimeo finden sich ja vereinzelt zum Niederknien schöne Beispiele, aber es fehlt an festen Anlaufpunkten. Im Moment ist es viel zu kompliziert und langwierig, die besseren Beiträge zu finden.

Habt Ihr Tipps für Multimedia-Aspiranten, die so etwas auch in anderen Städten starten wollen?

Das allerwichtigste ist eine gute Kenntnis und auch Erfahrung mit dem Storytelling-Prozess. Viele vertrauen zu sehr auf „Tools“ und vergessen darüber das Handwerk. Aus der Struktur ergibt sich alles andere, die Ästhetik, die Bilder und der Rhythmus. Themen gibt es genug. Man braucht Menschen, die etwas zu erzählen haben und einen Konflikt spürbar machen. Das gelingt nicht immer, ist aber in zwei Sätzen das ganze Prinzip. Wer sich daran hält, kann auch einen Film über den Nachbarn machen und damit den Punkt treffen. Und man braucht Geduld und darf nicht verzweifeln, wenn das Schnittprogramm nicht gleich so will, wie man selbst. Oder wenn die Bilder nicht gleich so aussehen wie beim „Sartorialist“.Am Anfang ist der Aufwand für jeden Beitrag enorm. Aber am Ende zählt im Web das Gleiche wie überall: Ist es eine gute Geschichte?

Soll Colonista ein Projekt von Euch beiden sein oder eine offene Plattform für Webfilme über Kölnthemen?

Das wissen wir noch nicht. Bisher haben wir alles selbst gemacht – Name, auch das Logo, Server, die Webseite, die auf einem WordPress-Theme aufbaut, und so weiter. Das war für uns beide eine ziemliche Lernkurve und so manches Wochenende verschlungen, hat aber einen Wert an sich. Auf Dauer würden wir gern mit anderen zusammen arbeiten. Gerade jetzt sind wir aber einfach mal glücklich, dass Colonista am Start ist.

Bloglesern, welcher dieser Beitrag gefallen hat, interessierten sich auch für mein Interview mit Daniel Nauck von 2470media, einem Produktionsstudio für journalistische Multimedia-Reportagen.

Hier ein Auszug:

Wer ist 2470media und was macht ihr?

24/70 beschreibt den Brennweitenbereich des von uns genutzten Standardobjektives, sozusagen unsere „Reportagebrennweite“. Wir sind ursprünglich Fotojournalisten und haben diesen Begriff aus unserem technischen Repertoire gewählt. Es ist das Werkzeug, mit dem wir die Welt erkunden und ein Gepäckstück, welches wir auch auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Es sollte aber auch ein Begriff sein, der universell interpretierbar und befüllbar ist. Eine bewusst offene Markenprägung, weil wir bei der Gründung natürlich noch nicht genau wussten, wo es uns hinführt.

Versteht Ihr Euch in erster Linie als Foto- und Videojournalisten oder gibt es bei auch künstlerische nicht-dokumentarische Ansätze?

Wir nennen uns Multimediajournalisten und sind eine Produktionsfirma für multimediale Reportagen. Wir wollen Geschichten aus dem Leben erzählen. Die Wirklichkeit enthält so viel spannende Dinge und ermöglicht auch Sichtweisen, die nicht dem Konsens entsprechen. Dem wollen wir uns widmen.

Euer Anspruch ist ja nah ran zugehen, das drückt ja auch Euer Name aus.

Ja, 24/70 ist eine Brennweite, bei der man nah ran gehen muss. Zwei bis drei Meter Entfernung sind da ganz üblich. Die Dinge aus der Nähe zu betrachten, ohne die nötige journalistische Distanz zu verlieren. Das ist Grundsatz und Ziel der Autoren von 2470media. Es entspricht auch den Eigenschaften unseres Namensgebers, dem Kameraobjektiv mit der Brennweite 24-70mm, das wir für unsere Reportagen verwenden.

Beeinflusst die Brennweite Eure Geschichten?

Die Nähe zu den Protagonisten, auch die emotionale Nähe, ist ein klassisches Thema des Fotojournalismus. Und auch sich dabei nicht selbst zu präsentieren. Der klassische Fotojournalist ist immer ein stiller Begleiter gewesen. Die Betroffenen selbst in Erscheinung treten zu lassen. Dieser Tradition folgen wir. Das heißt nicht, das wir nicht auch andere Formate, z.B. mit Sprecherstimme machen könnten, aber wir adaptieren nicht das Fernsehen. Für abstraktere Formate wie Erklärstücke über die Weltwirtschaftkrise oder zur aktuellen Finanzsituation der USA würden wir eher Animationen benutzen.

Was macht Ihr über klassische Reportagen hinaus?

Wir orientieren uns an dem, was man in den USA Multimedia Storytelling nennt. Darüber hinaus sehen wir unsere Geschäftsentwicklung immer mehr auch in Richtung Crossmedia. Wir sind darüber hinaus auch eine Entwicklungsredaktion zur Entwicklung redaktioneller Bewegt- und Standbilder. Da gehört die crossmediale Auswertung auch dazu. Zum Beispiel jetzt bei den berlinfolgen in Kooperation mit der taz. Unsere Multimedia-Reportagen sind eine Eigenentwicklung, die sich an amerikanischen Vorbildern orientiert. Wir haben eine starke fotografische BIldsprache, die Geschichten bleiben durch die Fotografie und eine möglichst starke Geschichte eher „hängen“ als Bewegtbild. Mischformen an der Schnittstelle zwischen Bewegtbild, Fotografie und Radiogeschichte sind für uns am interessantesten und sie sind mittlerweile unser Markenzeichen. Daran wollen wir weiterarbeiten.


2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke, sehr interessant & informativ. Muss ja langsam mal wieder anfangen, mich schlau zu machen.

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