Steinzeitansichten über Zukunfts-Journalismus
30. Januar 2012 | Von Ulrike Langer | Kategorie: Journalismus, NeuWenn es nicht so ärgerlich wäre, dass viele Journalisten dieses ahnungslose, schludrige und an einigen Stellen auch böswillige Machwerk wohl tatsächlich für das aktuelle Standardwerk zum Thema Journalismus halten werden, wäre es fast komisch. Ist es aber nicht. “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus” wird von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) empfohlen und für eine “Bereitstellungspauschale” von nur 4,50 Euro verschickt. Es wird schon allein wegen des günstigen Preises sicher gerne bestellt werden. Dazu kommt der Nimbus “Standardwerk”, den die bpb auch dieser Neuauflage verleiht. (Hat dort eigentlich jemand die neuen Abschnitte zum Online-Journalismus gelesen?)
Zumindest die das Netz betreffenden Passagen in diesem Buch sind nicht viel mehr als eine zusammengequirlte Melange aus abgedroschenen Sprüchen und Vorurteilen: Im Internet herrscht “Krieg” zwischen Journalisten und Bloggern. Die Fülle der vielen unwichtigen Informationen im Netz verwirrt und überfordert die Menschen. Debatten mit Nutzern im Netz sind sinnlos, weil größtenteils “Schwachsinn und Dampfplauderei” abgesondert wird. Konzentriertes Lesen ermöglichen nur Texte in der Zeitung, nicht solche im Netz. Wer als journalistischer Einsteiger bei einer Zeitung keinen Erfolg mit seinen Beiträgen hat, sollte es einfach bei einer Online-Redaktion probieren – dort kommt es auf Qualität nicht so sehr an. Und so weiter, und so fort.
Zu vielen haarsträubenden Thesen in diesem Lehrbuch (und zu seinem seltsamen Titel) haben Christian Jakubetz und Peter Schumacher (Nachtrag: auch Marcus Bösch und Holger Schellkopf, stellv. Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung) das Meiste bereits treffend gesagt. Ihre Kritiken sollte jeder (angehende) Journalist, der erwägt, das Schneider/Raue Buch zu bestellen, erst einmal lesen.
Darüber hinaus sind mir noch ein paar weitere unsinnige Aussagen in diesem Buch aufgefallen.
Wer in den ersten Sätzen zum Lesen verführt, wird seinen Weg im Journalismus gehen, gleich welche Technik uns nach iPad und Web4.0 noch übarraschen wird. Er ist für alle Zeiten und alle Techniken gewappnet.
Ein journalistisches Lehrbuch schreiben, kann ja so einfach sein. Während der Rest der Branche mehr oder weniger intensiv darüber nachdenkt, wie sich der Journalismus verändern wird und muss, um den digitalen Wandel zu überstehen und vielleicht sogar gestärkt daraus hervorzugehen, während an Universitäten und Journalistenschulen begonnen wird, Ausbildungsgänge zu modernisieren, damit das Gelernte auch in vier oder fünf Jahren noch anwendbar ist, haben Schneider und Raue die Geheimformel längst entdeckt: Der Einstieg muss stimmen, der kleine Rest ergibt sich von ganz alleine.
Doch nebenbei ist Fernsehen im Internet nicht zu machen. Notwendig sind eine teure Kamera nebst Mikrofon und Kopfhörer, ein Laptop mit großem Speicherplatz, ein gutes Programm zum Schneiden des Rohmaterials, Routine und viel Zeit.
Eine teure Kamera soll also notwendig sein? Da sich Schneider bekennendermaßen Blogs nur ausdrucken lässt, kennt er wahrscheinlich weder Markus Hündgen noch Marcus Bösch noch Richard Gutjahr mit ihren ebenso kenntisreichen wie nutzwertigen Beiträgen zum Thema Videojournalismus.
Im viel zu knappen Kapitel über Podcast ist nur die Rede davon, ob gesprochene Sätze kürzer sein müssen als geschriebene. Erläuterungen zur Technik, zu Plattformen, zur Abonnierbarkeit? Fehlanzeige. Ist ja auch unnötig, wenn Podcast laut Schneider/Raue das gleiche ist wie Radio, nur dass es im Internet anders heißt.
Systematisch ziehen sich grammatisch falsche Verwendungen von Worten wie Twitter, Blog oder Internet-Forum durch die Online-Passagen dieses Buches. Sie wirken wie eingestreute Begriffe aus einer Fremdsprache, derer die Autoren nicht mächtig sind.
Rückblickend: Warum sich so viele Fehler, sprachliche Schludrigkeiten und Vorurteile in den Abschnitt über Online-Journalismus häufen, wird eigentlich schon in der Einleitung klar:
Den Online-Journalismus dagegen behandeln wir als bloße Spielart des klassischen Handwerks – nur dadurch unterschieden, dass auf dem Bildschirm noch ungeduldiger gelesen wird als in der Zeitung; die letzte Zeile eines Textes erreichen die wenigsten.
Das schreiben also zwei Autoren, denen nicht nur das Thema fremd ist, sondern die sich auch offensichtlich nicht wirklich damit befassen mögen, ein paar Absätze zum Online-Journalismus mal eben mit in ein Buch , damit es in der Neuauflage auch irgendwie berücksichtigt ist. Das ist wirklich arm für ein Standardwerk.
Offenlegungen:
- Ich habe nicht das ganze Buch gelesen, sondern nur die Passagen, die man bei Amazon in der Digitalbuchausgabe von Rowohlt frei lesen kann. Das sind die ersten drei Kapitel (“Einleitung”, “Die journalisten” und “Online-Journalismus”). Den Rest des Buches kann ich nicht beurteilen. Die E-Book-Ausgabe mit anderem Cover kostet übrigens mit 14,99 € mehr als das Dreifache als bei der bpb.
- Ich bin Co-Herausgeberin des Buches “Universalcode” und deshalb nicht unbefangen. Unser Buch ist ein Nonprofit-Projekt. Ich hätte allerdings auch ohne Beteiligung am “Universalcode” meinem Ärger über das Buch von Schneider/Raue Raum gegeben – das sehe ich genauso wie Christian Jakubetz.
- Paul-Josef Raue kenne ich nicht persönlich, Wolf Schneider bin ich einmal begegnet. Das war im Januar 1993, beim traditionellen Kaminabend mit Wolf Schneider im Rahmen meines vierwöchigen Kompaktkurses für Volontäre an der Hamburger Akademie für Publizistik. Schneider hat der Abend damals mit Sicherheit ebenso wenig gefallen wie uns Volos. Wir fühlten uns von oben herab belehrt, er fand uns “aufsässig” (er benutzte tatsächlich dieses Wort), weil wir es wagten, ihm kritische Fragen zu stellen. Seitdem betrachte ich Publikationen von Wolf Schneider mit vorsorglicher Skepsis.









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