Aus mag10 wird mag15 oder magNever


Ein Fazit vorweg: Ich mag mag10 und wünsche mir, dass dieses Startup nicht schon am Ende ist, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Als Jochen Wegner Ende 2010 seinen Posten als Chefredakteur von Focus Online aufgab, um gemeinsam mit dem Software-Unternehmer Marco Börries ein StartUp zu gründen, fand ich das sehr spannend. Es gehe um eine Software für Magazine auf dem iPad, mehr war von Wegner lange Zeit nicht zu erfahren. Beim Hamburger Scoopcamp 2011 im vergangenen September stellte Wegner dann einen Magazin-Prototypen vor.

Wie die meisten der Anwesenden war auch ich begeistert von den visuellen Möglichkeiten (es ging in diesem Prototypen um die Space Needle in Seattle) und von der intuitiven und logisch gestalteten Benutzeroberfläche. Ebenso hinreißend war Wegners lakonischer Vortragstil, der mit wenigen Worten und Handbewegungen entlarvte, woran viele Medienapps kranken. Und zwar leider vor allem solche, die als besonders innovativ gelten. Nicht die einfallslosen E-Papers, die einfach nur die Zeitung auf dem Bildschirm darstellen.

Viele der innovativeren Magazin-Apps entspringen Designerträumen und verwirren ihre Nutzer. Man wischt hier, man klickt dort, man blättert und scrollt ohne Ende und weiß bald weder, wo in der App man gerade  ist, noch, was man dort wollte. Geschweige denn, wie von dort zurückfindet ohne die Hometaste zu drücken. Der Mag10 Prototyp (Unternehmensvideo) setzt dagegen auf das Prinzip mehr ist weniger. Er ist eine gelungene Mischung aus klarer Ästhetik, neuen aber intuitiv zu erfassenden Features und inzwischen gelernten Tablet-Funktionen (zwei Finger ziehen ein Foto größer, beim Antippen eines Fotos startet ein Video, etc.). Es sollte eine White-Label-Lösung für Verlage werden, die sich mit einem webbasierten Content-Management-System um die Inhalte der App hätten kümmern können ohne die zugrundliegende Technik selbst entwickeln zu müssen.

Doch aus mag10 wird erst mal nichts. Der Webdienst mobilebranche.de veröffentlichte heute einen Bericht, dass das Projekt mangels Anschlussfinanzierung auf Eis gelegt ist. Das Fatale in dieser Meldung steckt nicht so sehr in der wenig überraschenden Erkenntnis, dass eher zehn wenig durchdachte Projekte in den USA Fördergelder und Kapital erhalten, bevor in Deutschland auch nur eine gute Medieninnovation gefördert wird.  Das Fatale liegt in den Worten, mit denen Jochen Wegner zitiert wird: ““Wir grübeln darüber nach, ob wir mit unserer Idee vielleicht einfach zu früh waren.” Die Verlage hätten derzeit noch genug damit zu tun, ihre etablierten Printmarken ausfs iPad zu bringen.

Das ist doppelt tragisch. Denn erstens käme ein deutsches Publishing-System für das iPad – das Gerät, von dem sich doch gerade die Verlage seit der Markteinführung vor knapp zwei Jahren den Durchbruch bei bezahlten Inhalten erhoffen, nicht zu früh, sondern schon eher spät. Apple ist mit  iBooks2 und iBooks Author, beide eine Art  “Garageband für E-Book-Publishing” , seit Januar 2012 am Start und forciert damit neben Amazon seine vorherrschende Stellung als Marktplatz für multimediale Inhalte (mit iBooks Author erstellte Bücher und Magazine dürfen nur über den iTunes Store vertrieben werden).

Zweitens hatte ich ursprünglich gehofft, dass mag10 den großen Wurf wagen und aus der geschlossenen App-Welt ausbrechen würde. Denn wer möchte als Vielleser schon 20 oder 30 Magazin-Apps auf dem iPad haben (und für alle bezahlen), wenn in jedem Magazin nur ein oder zwei Beiträge persönlich als relevant empfunden werden?

Zwar ermöglicht die mag10-Software Verlinken und Sharing in sozialen Netzwerken, sowie über per HTML5 die Inhalte auch ins offene Netz zu stellen. Das ist mehr als gegenwärtiger Standard. Allerdings bleibt der Grundgedanke von Magazinen als geschlossene Einheiten auch bei mag10 erhalten. Das ist schade. Die intuitive mag10 Benutzerführung, kombiniert mit der Entbündelung von Inhalten, mit einer frei kombinierbaren Zusammenstellung von Inhalten à la Flipboard (Demo-Video) und einem Flatrate-Preismodell wie bei Piano. Das wär’s gewesen. Aber wenn mag10 nicht einmal in der vorliegenden Form genügend Interesse bei Verlagen wecken konnte, dann wird die wirkliche App-Innovation aus Deutschland vielleicht mit mag15 kommen. Oder auch never. Aber auch in der vorgestellten Form ist mag10 eine innovative Software und hat eine Chance verdient. Gebt Euch einen Ruck, deutsche Investoren.

Foto: Scoopcamp

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5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Maybe they should consider going open source….a good way to get a push, to open up for community (developer- and reader-wise) and finally to earn money and kickass the proprietary closed gardens of apple and amazon….
    ….just a thought

  2. Zu früh heißt heute nicht 10 Jahre zu früh sondern eher 1-2 Jahre. Vielleicht erstmal auf Sparflamme weitermachen und abwarten.

  3. Pingback: taz, Panacoda, Apple. — mobilbranche.de

  4. Es gibt einen alten Spruch von McKinsey: “Don’t fear the facts”
    Und Fakt ist nun mal dass Adobe und indirekt Woodwing in den letzten 12 Monaten zusammen ca. 500 Zeitschriften auf das iPad gebracht haben und mag10 keine. Daraus kann man nur wieder lernen dass es nichts nutzt einfach etwas zu entwickeln und dann nach Kunden zu suchen. Das wiederum machen Startups aus dem USA besser.

    Allerdings wer selbst schon versucht hat APPS zu verkaufen weiss wie schwierig es ist deutsche Verleger zum investieren in Technologie zu bringen, bei der ein Return on Invest nicht in 4 Wochen erfolgt und bei dem nicht mindestens ein Million € pro Jahr an Umsatz wahrscheinlich ist. Insofern wird ein mag15 genauso scheitern -egal ob in einem oder in 10 Jahren…

    Schade eigentlich – da stimme ich zu.