Open Journalism bei der SXSW Konferenz


“Open Journalism” ist ein momentan ziemlich oft benutztes Schlagwort. Es bedeutet, dass Journalisten sich öffnen sollen gegenüber ihren Nutzern und Wege finden sollen, möglichst konstruktiv und effektiv mit ihnen gemeinsam an journalistischen Projekten zu arbeiten. Es bedeutet aber auch, sich gegenüber neuen Technologien und anderen Branchen und Disziplinen zu öffnen.

Ein weiteres Schlagwort – zumindest im Englischen – ist die Forderung an Medienmacher: “Be of the web, not on the web.” Sinngemäß übersetzt: Medien sollten nicht versuchen, ihre herkömmlichen Produktionsweisen und Inhalte auf das Internet zu übertragen (“E-Paper”, Texte ohne Links, einmal tägliche aktualisierte Webseiten), sondern sie sollten ein in das Netz hineinverwobener essentieller Teil des Internets werden.

Diese Schlagworte füllte ein gut besetztes Panel bei der SXSW Interactive Conference in ustin/Texas am Sonntag mit Leben. Mit dabei waren:

  • Emily Bell, Leiterin des Tow Knight Center for Digital Journalism an der Columbia University in New York
  • Mohamed Nanabhey, Onlinechef des TV-Senders Al Jazeera English
  • Andrew Leimdorfer, bei der BBC verantwortlich für News-Specials im Internet
  • Dan Sinker, Projektleiter der Knight Mozilla News Technology Partnership (ein gemeinsames Projekt zweier Stiftungen, das technologische Innovationen im Journalismus fördert)

Emily Bell glaubt, dass Nachrichtenorganisationen viel mehr Wert als bisher darauf legen sollten, Technologie zu einer Kernkompetenz zu machen. Dies bedeutet, Datenjournalisten und Webdesigner zu engagieren, die nicht nur Befehlsempfänger von Journalisten sind nach dem Motto: Hier ist der Inhalt, bitte die Webseite dazu bauen. Sondern die Technikspezialisten sollten von vornherein in die Planung von webgerechten Inhalten miteinbezogen werden.

Ein gutes Beispiel dafür stellte Leimdorfer vor. “The World at Seven Billion” ist eine sehr einfach zu bedienende interaktive Anwendung, bei der Nutzer durch Eingabe ihres Geburtsdatums herausfinden können, wieviele Menschen auf der Welt seit dem Jahr 1500 vor ihnen geboren wurden und wieviele bis heute nach ihnen geboren wurden.

Der konzeptionelle und technische Aufwand zahlt sich für solche Projekte aus, wenn sie durchdacht sind, denn sie werden viel mehr genutzt und weitergereicht als thematisch vergleichbare Berichte in linearer Textform. 20 Millionen Besucher waren seit Oktober 2011 auf der Seite, mehr als die Hälfte davon auf Empfehlung anderer Nutzer. Und von denen wiederum kam mehr als 20 Prozent über Facebook. “User Experience Design” – Webseiten  und -anwendungen so zu gestalten, dass Nutzer in eine Thematik hineingezogen werden, spielt laut Leimdorfer eien große Rolle dabei, ob sich ein Inhalt viral verbreitet oder nicht.

Auch Nanabhey betont die immer größere werdende Rolle von Nutzern, die durch Links und Likes entscheiden, was sich verbreitet und was nicht. Der pan-arabische Nachrichtensender analysiert den Einfluss der Nutzer inzwischen gezielt, um rechtzeitig zu merken, welche Nachrichten größer gefahren werden sollten. Ein Erweckungserlebnis hatte Al Jazeera in den ersten Tagen des Protests auf dem Tahrir-Platz in Kairo, als die internationalen Massenmedien fast komplett verschliefen, was sich dort zusammenbraute – Al Jazeera inklusive. Über Twitter und Facebook analysiert der Sender seitdem noch intensiver in Echtzeit, was die Menschen bewegt. “Wir ziehen dann Reporter aus anderen Regionen ab und schicken sie dorthin, wo sich etwas zusammenbraut”, sagt Nanabhey.

Er warnt allerdings auch davor, sich von Echtzeitstatistiken eine Agenda diktieren zu lassen und nur über Themen zu berichten, auf die besonders viel geklickt wird. “Wir berichten auch bewusst viel aus Afrika, obwohl Berichte aus Afrika bei uns nur wenig Resonanz erzeugen. Aber Afrika ist wichtig.”

Die ständige Feedback-Schleife zwischen Journalisten und Nutzern hat bei Al Jazeera English inwischen auch dazu geführt, dass mehr live gebloggt und weniger in langen Beiträgen zusammenfassend berichtet wird. Leimdorfer hingegen glaubt: “Die Nutzer wollen nicht immer nur Informationen, sie wollen auch die Bedeutung dahinter erkennen können.”

In der Publikums-Fragerunde wollte ich unter anderem wissen, wie Medien damit umgehen können, dass nicht alle ihre Nutzer ständig ins Netz eingeklinkt sind und manche Nutzer statt Updates im Minutentakt lieber traditionelle Berichte lesen und hören wollen. Eine Antwort darauf gebe es noch nicht wirklich, da war sich das Panel einig.

P.S. Wenige Tage vor der beeindruckenden SXSW Konferenz, die ich zur Zeit zum ersten Mal besuche, erläuterte der “Guardian” in einem sehenswerten Werbevideo und einem Erklärstück von Chefredakteur Alan Rusbridger, wie sich der “Guardian” Open Journalism vorstellt. Klicktipp!

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