SXSW: Was Journalisten von Wissenschaftlern lernen können

Journalisten und Wissenschaftler streben beide nach der Wahrheit (sie sollten es zumindest tun, auch wenn die Wahrheit oft nur ein Annäherungswert ist). Darüber hinaus gibt es aber große Unterschiede in der Denk- und Arbeitsweise beider Berufssparten. Warum sich Journalisten von den methodischeren und präziseren Ansätzen ihrer Kollegen in der Forschung ruhig inspirieren lassen sollten, erklärten Gideon Lichfield und Matt Thompson in einem ebenso vergnüglichen wie präzisen Vortrag bei der Digitalkonferenz South by Southwest Interactive (SXSWi) in Austin/Texas. Lichfield ist Medienredakteur beim Wirtschaftmagazin “The Economist”, Thompson berät als Editorial Program Manager des öffentlichen Radios NPR die lokalen Partnerstationen bei ihren Digitalstrategien. Dies sind ihre drei wesentlichen Forderungen an Journalisten:

  • Ein Zitationsindex für Nachrichten: Die meisten journalistischen Beiträge werden monolithisch präsentiert, auch wenn sie auf den Erkenntnissen anderer aufbauen. Lichfield und Thompson fragen sich: Warum gibt es keinen Citation Index für Nachrichten? (Hintergrund: Für den Science Citation Index wertet das Institute for Scientific Information in Philadelphia regelmäßig etwa 6.110 naturwissenschaftliche Publikationen aus.) Ein Zitations-Index auch für andere Fachmedien und Publikumsmedien würde sowohl Kollaboration mit Kollegen, die an ähnlichen Themen arbeiten, als auch korrektes Referenzieren erleichtern. Er würde auch unterschiedliche Perspektiven besser herausstellen, und die Reputation mehrfach referenzierter Quellen erhöhen.
  • Fußnoten für journalistische Texte: Darin könnten zusätzliche Erklärungen und annotierte Links untergebracht werden. Fact-Checking und Kontextualisierung würden erleichtert. Die Wikipedia benutzt Fußnoten, um wissenschaftlich korrekt zu zitieren, aber auch um den Lesefluss nicht zu unterbrechen. (Meine Meinung dazu: In Onlinebeiträgen reicht zum Kontextualisieren oft schon das einfache Verlinken auf Originalquellen und Beiträge mit interessanten anderen Perspektiven, wie z.B: bei Online-Medien wie Zeit Online. Leider hat sich aber selbst die simple Kulturtechnik des Verlinkens bei vielen deutschen Internetmedien Pokies Pokies noch nicht durchgesetzt.)
  • Mit Hypothesen arbeiten: Wissenschaftler stellen solange neue Hypothesen auf, bis sich in einer wiederholbaren und nachvollziehbaren Versuchsreihe eine Hypothese als überlegen erweist. Dann gilt diese Theorie als bewiesen oder als wahrscheinlich, bis zum Beweis des Gegenteils. Journalisten hingegen lassen sich bei ihren Recherchen zu oft davon leiten, nur das zu berücksichtigen, was zu ihrer Hypothese passt. Mehr Offenheit gegenüber vielen anderen möglichen Hypothesen würde die journalistische Glaubwürdigkeit erhöhen.

Gute Beispiele aus der Präsentation, die zeigten, wie manche US-Medien sich mit neuen Werkzeugen und Methodden um mehr Transparenz und Überprüfbarkeit bemühen:

  • ProPublica bietet sogenannte reporting recipes.  Sie erklären nachvollziehbar Recherchewege und Hypothesen.
  • Die  “New York Times” benutzt DocumentCloud, das von ihrem Datenjournalismuschef Aron Pilhofer mitentwickelt wurde. Beim Bewegen des Mauszeigers über gekennzeichnete Links öffnen sich Kästen mit annotierten Originalquellen.
  • Politifact, eine Webseite, die Aussagen von Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, installierte 2009 ein Obameter. Damit  verglichen sie Wahlkampfaussagen des Präsidenten mit deren Umsetzung.
  • Mit StateImpact unterfüttert NPR Berichte mit Datensätzen.

Lichfield und Thompson präsentierten auch die von ihnen erfundene Maßeinheit “Friedman Unit”, benannt nach dem  “New York Times” Kolumnisten und dreifachen Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman. Die beiden Journalisten zeigten Zitate aus Texten von Friedman, in denen der politische Publizist von 2003 bis 2006 mindestens ein halbes Dutzend Mal prognostizierte, für die weitere Entwicklung im Irak seien jeweils “die nächsten sechs Monate” entscheidend. Eine “Friedman Einheit” ist nach Lichfield/Thompson deshalb “die Zeitspanne, innerhalb derer die Vorhersage, die ein Journalist macht, schon wieder vergessen wird.” Damit in dieser wissenschaftliche Maßeinheit möglichst selten etwas gemessen wird, empfehlen Lichfield und Thompson allen Journalisten: Lieber mal öfters auf ein paar steile Thesen und Prognosen verzichten.

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7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ist ja alles richtig, aber Journalisten tragen halt nicht die Konsequenzen, wenn sie mit ihren Artikeln so richtig mist bauen, oder auch nur die Leser falsch informieren. Dagegen tragen Journalisten sofort die Konsequenzen, wenn die These dem Chefredakteur nicht steil genug ist oder der Artikel den Erfordernissen einer guten Story nicht genügt.

  2. Eigentlich doch wenig Neues, außer den Fußnoten, die ich nicht machen würde. Aber ich fände eine Linklist oder eine Hinterlegung von pdfs auf Mendeley nicht schlecht. Nur zahlt für solchen Extraaufwand natürlich keiner.

  3. @Beatrice: So ist es: Das Problem ist quasi genau Komplementär zu dem der Wissenschaft: Forscher haben keinen Gewinn davon, wenn sie ordentlich nach außen kommunizieren und tun es deswegen nicht, Journalisten haben umgekehrt nichts davon, wenn sie ihre Arbeiten aufwendig nachvollziehbar referenzieren.

  4. @Lars
    Dass Journalisten keine Konsequenzen tragen, wenn sie Mist bauen, stimmt vielleicht im Einzelfall. In der Regel gibt es aber – in Abbstufungen – Leserbriefe (oder zeitgemäßer den Social Media Shitstorm), Gegendarstellungen, rechtliche Schritte oder auch einen auf ewig ruinierten Ruf (s. Tom Kummer).
    Klar hast Du in der Reihenfolge Recht: Die Belohnung für eine zugespitzte Story gibt es sofort (mehr Klicks, mehr verkaufte Hefte, Lob vom Chefredakteur). Die Konsequenzen für Mist treten aber erst später ein. Vielleicht liegt es auch am Belohnungszentrum in unserem Gehirn, dass sich lieber nach kurzfristigen Belohnungen ausrichtet, dass soviel Mist erscheint.

    @Beatrice
    Wenig Neues vielleicht für Dich als Wissenschaftsjournalistin. Aber ganz allgemein in der Branche hat sich ja noch nicht mal das Verlinken auf Quellen durchgesetzt. Da gibt es immer noch viel oft die Floskel “aus gut informierten Kreisen”.

  5. Pingback: Anonymous

  6. Und ich kriege gerade – allerdings nur auf dem Blog – mails, die fragen, warum ich denn immer so “schrecklich viele Links” setze. Wie man’s macht …