Bertha, die twitternde Tunnelbohrmaschine


In Seattle wird eine scheußliche Stelzenautobahn durch einen Tunnel ersetzt. Bis 2019 ist wegen der Großbaustelle mit Staus zu rechnen. Doch viele Seattleites freuen sich über die Ankunft von Bertha, der weltgrößten Tunnelbohrmaschine. Bertha ist aufregend. Und sie steht im Mittelpunkt einer geschickten Social-Media-Strategie.

Bertha

 

Das ist Bertha. Sie ist 100 Meter lang, fünf Stockwerke hoch und wiegt 70 Tonnen. Sie mag Erde, Kies und perfekt geformte Betonringe. Sonnenlicht mag sie nicht. Sie ist etwas erschöpft von ihrer zweiwöchigen und 8000 Kilometer langen Reise aus Osaka in Japan. Und sie freut sich auf die Special Drinks, die eigens für ihre Willkommensfeier gemixt werden. Woher ich das alles über Bertha weiß? Weil ich ihr bei Twitter folge. Und deshalb weiß ich auch, dass sie ein bisschen eitel ist:

… und bereits im regen Austausch mit der Space Needle steht, dem etablierten Wahrzeichen von Seattle:

 

Über mangelnde Aufmerksamkeit braucht sich Bertha also nicht zu beklagen. Sie hat außer der Space Needle und mir noch rund 2000 weitere Twitter-Follower, ein offizielles Fotoalbum bei Flickr und ein fangeneriertes Album bei Google+.

Bertha ist die weltgrößte Tunnelbohrmaschine, die bisher gebaut wurde. Sie kam gestern mittag Ortszeit auf einem Containerschiff aus Japan in Seattle an. Und sie wird ab dem Sommer 2013 eingesetzt, um einen Tunnel unter der Innenstadt von Seattle zu bohren. Der soll ab 2019 den Verkehr aufnehmen, der bisher auf der hässlichen doppelstöckigen Betonschnellstraße Alaskan Viaduct zwischen Bucht und Skyline durchrauscht. Eine Art Rheinufertunnel wie in Köln oder Düsseldorf also.

Bertha kommt in Seattle an

Ab jetzt sechs Jahre Lärm, Dreck und Staus (eigentlich sogar ein Jahr länger, wenn man die Vorarbeiten mitzählt), das dürfte in den meisten Metropolen dieser Welt kein Grund für Feiern sein. Hier schon. Wahrscheinlich wird das Bauprojekt den Seattleites irgendwann ebenso zum Halse heraushängen, wie Bürger in anderen Städten ihre Großbaustellen leid sind.

Aber zumindest ist die Stimmung nicht schon im Vorfeld vergiftet. Und das liegt ganz wesentlich an der guten Kommunikationsstrategie der regionalen Verkehrsbehörde Washington State Department of Transportation (WSDOT). Den Namen Bertha erfanden nicht Bürokraten, sondern Grundschüler aus Seattle im Rahmen eines Wettbewerbs. Zum Tunnelbauprojekt gibt es ein Animationsvideo und eine Übersichtswebsite ohne dröge Fachsimpelei. Auf der offiziellen “Following Bertha” Seite gibt es Tipps und eine Karte, die zeigt, an welchen Stellen in der Stadt man die Ankunft und den Zusammenbau von Bertha aus 41 Einzelteilen in der Baugrube am besten beobachten kann. Im Flickr-Album stehen alle Bertha-Bilder unter einer Creative Commons Lizenz, und in Kürze wird es auch eine Live Webcam geben, in der alles rund um Bertha ins Netz gestreamt wird.

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Alaskan Viaduct – die Bausünde der 50er Jahre wird durch einen Tunnel ersetzt

Das ganze Drumherum zu Bertha ist einem Tonfall gestaltet, der vermitteln soll, dass es sich hierbei um eine spektakuläre Show handelt, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt, und nicht um behördliche Anordnungen rund um ein Hoheitsprojekt, bei dem Reden schwingende Honoratioren im Mittelpunkt stehen. Eine Liste mit FAQs beantwortet die häufigsten Fragen und beim Klick auf das Feld “Contact Us” sind mehrere Möglichkeiten genannt, mit den Verantwortlichen Kontakt aufzunehmen. Das geht aber auch noch einfacher über Twitter oder Facebook (alle Social Media Aktivitäten von WSDOT sind einem Social Room gebündelt.)

Die nötige Kompetenz im Umgang mit Social Media hat sich die Verkehrsbehörde WSDOT schon vor Jahren angeeignet (s. Folien bei Slideshare von 2008). Wichtigste Lehre damals wie heute: “Keep it short, useful and interesting.”

Da ich mit meinem Umzug von Köln nach Seattle im Juli 2011 von einem Tunnelgroßbauprojekt vor der Haustür zum nächsten gewechselt bin, liegt es natürlich nahe, dass ich die beiden Projekte und die Social Media Strategien vergleiche. Ins Seattle wird Bertha auf sämtlichen Kanälen von offizieller Seite und von den Bürgern quasi als Neubürgerin begrüßt (auch wenn es natürlich auch kritische Stimmen zum Tunnelbau gibt). In Köln hat der Bau der Nord-Süd-Stadtbahn noch immer eine statische  Homepage mit drögem Verlautbarungsjournalismus, von Social Media Einbindung keine Spur. Dabei wäre ein Konzept für die unmittelbare Zwei-Wege-Kommunikation nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, aus dem Ruder laufenden Kosten und einer prognostizierten Bauverzögerung bis zur endgültigen Fertigstellung von circa acht bis elf Jahren allmählich wohl angebracht.

Fotoquellen: Nahaufnahme von Bertha: WSDOT / Flickr , Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0; Alaskan Viaduct: Waqcku / Wikipedia