SHIFT: Ein Printmagazin mit Mitbestimmung der Crowd


Ein 26jähriger Onlinejournalist und Blogger sammelt derzeit auf der Crowdfunding-Plattform Startnext 5000 Euro für ein neues Printmagazin. 3098 Euro sind bisher eingegangen, noch 13 Tage läuft die Finanzierungskampagne. Ein Interview vor dem Endspurt mit Gründer und Chefredakteur Daniel Höly zum Konzept von SHIFT.

Daniel_Höly

Wofür willst du unser Geld?

Für ein Printmagazin, das 20- bis 35-jährige netzaffine Menschen interessiert. Für ein Printmagazin, in dem man mitreden kann. Und für ein Printmagazin, das mehr als einseitige flache Informationen und Unterhaltung bietet. In meiner Diplomarbeit habe ich mich damit beschäftigt, wie so ein Magazin aussehen kann. Heraus kam das Konzept für SHIFT. Die Umsetzung kostet aber Geld, schließlich gibt es Layout und Vertrieb ja nicht kostenlos.

Wie sollen wir uns SHIFT vorstellen? Eine Art Bravo? Neon? Dummy? Ganz anders? 

SHIFT ist eine Art Offline-Mashup aus vielen verschiedenen Inspirationsquellen. Dazu gehören vor allem Zeitschriften wie die englischsprachige TIME und Newsweek oder die monothematischen Magazine FROH! und Dummy. Mein großes Vorbild in vielerlei Hinsicht ist das Fußballmagazin 11 Freunde, das enorm viel richtig macht. SHIFT in eine Schublade stecken zu wollen, ist daher schwierig. Ich sehe es als einen Remix aus Debatten-, Unterhaltungs- und Gesellschaftsmagazin.

Worum geht es in dem Heft?

Um Debatten wie Pränataldiagnostik, Unterhaltung wie Chuck Norris vs. Hans Sarpei und Porträts wie das von einer Prostituierten oder Fotostrecken von Drogenabhängigen.

Shift

Aber gibt es das nicht schon alles? 

Nein, das gibt es noch nicht. Viele Zeitschriften haben ihren Fokus auf Politik oder Wirtschaftsthemen ausgerichtet. Der Horizont von „SHIFT“ geht weiter. Zudem habe ich eine andere Zielgruppe: netzaffine Menschen zwischen 20 und 35 Jahren. Für diese Zielgruppe gibt es bisher keine breite Verknüpfung, keine breite Interaktion von Online und Print. Bei mir schon: In „SHIFT“ können die Leser mitbestimmen, welche Themen gesetzt werden. Es wird Abstimmungen darüber geben.

Warum sollten Digital Natives überhaupt ein gedrucktes Magazin lesen?

Weil sie eine Ergänzung zur digitalen Welt brauchen. Weil sie Ergänzung zur digitalen Einseitigkeit von 30-Sekunden-Cuts in den Nachrichten brauchen. Weil meine druckfrische Papier-Ausgabe besser riechen wird als der Kühler-Mief vom Laptop. Und schließlich: Weil der starke Wunsch meiner Generation – aktiv mitzubestimmen – bei SHIFT umgesetzt wird. Wo gibt es das sonst in dem Maß? Diese Interaktion der Crowd und mir fängt ja schon mit der Finanzierung an.

Wie hoch ist die Erstauflage?

Die Erstauflage ist auf 1.000 Exemplare limitiert und wird es im Anschluss an die Crowdfunding-Aktion nirgends zu kaufen geben. Wer sich bei Startnext mit mindestens zehn Euro beteiligt, bekommt eine Ausgabe zugeschickt. Die anderen Ausgaben bekommen ausgewählte Journalisten und Blogger und natürlich die Autoren der Ausgabe. Denn anschließend will ich ein möglichst breites Feedback bekommen, was man alles besser machen kann. Bei der zweiten Ausgabe muss ich mal schauen. Wenn es klappt, kann man sie am Bahnhofskiosk kaufen. Aber das ist alles sehr teuer und momentan noch nicht sicher. Jetzt steht erst einmal Schritt eins an: Das notwendige Geld zusammenbekommen und die erste Ausgabe drucken lassen.

Wie häufig soll das Heft erscheinen?

Am Anfang quartalsweise. Das ist derzeit machbar. Später hätte ich gerne eine monatliche Erscheinungsweise, wozu momentan aber das Personal fehlt. Ich bräuchte noch mindestens einen weiteren Redakteur und eine Person, die sich um die Bereiche Marketing, Werbeakquise und Rechtliches kümmert. Bis dahin möchte ich nichts ankündigen, was ich nicht halten kann.

5000 Euro könnte doch auch die Oma finanzieren, oder?

Theoretisch ja, praktisch nein. Aber ich will gar nicht das Geld von meiner Oma. Denn es gehört zum Markenzeichen meiner Zeitschrift, dass man mitgestalten und Hinweise geben kann – und das von Anfang an. Auf Dauer ist Crowdfunding natürlich keine Lösung. Aber wie gesagt: Mitgestalten und auf Augenhöhe kommunizieren, früh und eng mit der Zielgruppe vernetzt sein: das ist es, was ich will. Das schafft einen stärkeren Bezug zu SHIFT, als wenn die Leser nur irgendwann eine neue Ausgabe in ihren Briefkasten flattern sehen würden.

Startnext Shift

SHIFT – Das Magazin mit Hirn, Herz und Horizont from juicedaniel on Vimeo.

Wie hoch ist der zeitliche Aufwand für das Crowdfunding ? 

Crowdfunding ist definitiv ein Vollzeitjob. So ein Projekt mal ebenso nebenbei machen zu wollen, ist völlig undenkbar. Allein die Vorbereitungszeit für SHIFT hat mehrere Monate gedauert, bis die Texte und Grafiken, das Pitchvideo und die Auswahl der Dankeschöns feststehen. Ich glaube, dass viele Leute nach wie vor stark unterschätzen, wie viel Zeit so etwas kostet. Und wenn es dann mit der Finanzierungsphase endlich losgeht, ist das alles andere als ein Selbstläufer. Anfangs informiert man erst einmal alle Freunde darüber und versucht gleichzeitig, in den sozialen Netzwerken eine Community aufzubauen. Dann kommen noch Anfragen von Bloggern und Journalisten hinzu, die natürlich sehr  wertvoll sind, aber eben auch wieder eine Menge Zeit kosten. Denn um bei Interviews etwas Sinnvolles sagen zu können, muss man sich wieder gut vorbereiten und genau überlegen, was man sagen will. All das sind Dinge, über die man im besten Fall schon vorher nachgedacht hat. Denn wenn der Stein erst einmal ins Rollen gekommen ist, hat man kaum mehr Zeit zum Reflektieren. Dann muss man sofort handeln.

Wie willst Du erreichen, dass die Finanziers der Erstausgabe per Crowdfunding möglichst auch zu Abonnenten werden?

Mir ist es sehr wichtig, mich mit den Finanziers der Erstausgabe von Beginn an so eng wie möglich zu vernetzen. Aus diesem Grund ist SHIFT bereits auf Twitter, Google+, Tumblr und sogar dem jungen Sozialen Netzwerk App.net vertreten. Ein eigener Webauftritt soll in Kürze folgen, auf dem noch weitere Interaktionsmöglichkeiten mit den Lesern vorgesehen sind: Von der gemeinsamen Themenauswahl über Diskussionen zu den Artikeln bis hin zu Hangouts auf Google+ ist alles geplant. SHIFT soll nämlich zeigen, wie sich Print und Online nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen.

Wie willst Du weitere Ausgaben von SHIFT finanzieren?  

Ich arbeite schon an einer dauerhaften Finanzierungsstrategie. Crowdfunding hatte ich von Anfang an nicht als dauerhaftes Finanzierungsmodell vorgesehen, so sehr ich diese neue Art der Finanzierung auch mag. Parallel zur Crowdfunding-Phase schreibe ich am Businessplan und bin schon mit ersten potenziellen Investoren in Kontakt. Trotzdem bin ich nach wie vor offen für weitere Anfragen von Business Angels oder anderen Investoren, da noch nichts Konkretes feststeht. Übrigens sollen auch Werbeanzeige ein fester Bestandteil der Finanzierung sein. Allerdings sollen sie maximal zehn Prozent des Magazinumfangs ausmachen und aus ästhetischen Gründen ausschließlich ganzseitig sein.

Foto Daniel Höly: cc by SA Droid Boy

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