Jeff Bezos kauft die Washington Post – hoffentlich wird sie Amazon


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Söldner fragen sich zuerst: Wie viel Geld werde ich verdienen? Bei den Missionaren steht die Leidenschaft für ein Produkt oder einen neuen Service im Vordergrund. Das Kuriose ist, dass die Missionare am Ende sowieso immer mehr Geld machen als die Söldner.

Diese bemerkenswerten Sätze sagte der Amazon-Gründer Jeff Bezos im Dezember 2012 in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Im Zusammenhang mit der Nachricht, dass Bezos die traditionsreiche Washington Post kaufen wird, gewinnt seine Aussage noch mal eine besondere Bedeutung. Die Zeitung ist seit vier Generationen im Familienbesitz der Grahams, spielte früher in der gleichen Liga wie die New York Times und zehrt noch immer vom Ruhm, den ihr Bob Woodward und Carl Bernstein mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals bescherten.

Man muss weder Prophet noch Zyniker sein, um zu erkennen, dass Bezos kein Söldner sondern ein Missionar und somit am Wohlergehen einer Zeitung interessiert ist, die er  für gesellschaftlich wichtig hält und mit Qualitätsjournalismus verknüpft. Für den Kaufpreis von 250 Millionen Dollar in bar handelt sich Bezos allerdings auch ein defizitäres Blatt ein – die Washington Post machte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres laut  Poynter fast 50 Millionen Dollar Verlust. Daher stellt sich die Frage: Was will der Geschäftsmann Bezos mit der Washington Post anfangen? Wenn er die Zeitung für ein gutes Geschäft hielte, dann hätte wohl nicht er persönlich, sondern Amazon das Blatt gekauft, wie Mathew Ingram bei GigaOm schreibt.

Aber sentimentale Gefühle ausgerechnet für eine gedruckte Zeitung mag man dem bekennenden Nicht-Zeitungsleser (s. Interview mit der Berliner Zeitung) auch nicht so recht abnehmen, zumal Bezos noch nie in irgendeiner Funktion in den Medien gearbeitet hat. Entweder Bezos ist gewillt, die WaPo so weiter zu führen, wie sie ist – mit Printausgabe und einer digitalen Paywall (seit 2012), die das Blatt kaum retten wird. Einfach weil er es sich leisten kann. Dann werden viele Mitarbeiter aufatmen, weil das Blatt, obwohl wirtschaftlich nicht lebensfähig, von einem Mäzen weiter am Leben erhalten wird.

Oder aber, mit Bezos zeigt ein Innovator, der Print nicht verhaftet ist, dass guter Journalismus nichts mit dem Bedrucken von Papier zu tun hat. Wenn einer die Druckmaschinen abschalten und vorübergehende Reichweiten- und Anzeigenverluste in Kauf nehmen kann, dann Multimilliardär Bezos. Vielleicht bekommen die printsozialisierten Abonnenten statt der gedruckten Zeitung vorübergehend einen Kindle, der sich täglich oder auch häufig mit neuen WaPo-Ausgaben akualisiert. Doch entscheidender ist, was aus der digitalen Plattform der WaPo wird.

Der Netzpionier Jeff Bezos steht vor allem für zwei Prinzipien: Erstens: Gewaltige Mengen von Nutzerdaten sammeln, die Muster dahinter mit Algorithmen erfassen und die Bedürfnisse individueller Kunden erkennen. Zweitens: Das eigene noch einträgliche Geschäft umwälzen (wie auch Steve Job das tat) bevor es ein Wettbewerber tut. Als der Verkauf von Büchern auf der Plattform Amazon zu einem Milliardenmarkt angeschwollen war, kannibalisierte Bezos wissentlich sein eigenes Kerngeschäft, in dem er zu einem niedrigeren Preis auch Ebooks mit dem passenden E-Reader anbot. (Das Gleiche machte Steve Jobs auch mit dem iPod, als er das iPhone auf dem Markt brachte). Inzwischen sind Ebooks für Amazon eine einträglichere Sparte als gedruckte Bücher. Die werden auch noch verkauft und gehen in absehbarer Zeit den Weg des Vinyl: Teure Luxusartikel für ausgewählte Werke.

Bezos betonte in einer Nachricht an die Mitarbeiter der Wapo, dass sich die journalistischen Werte bei der Washington Post nicht zu ändern bräuchten. Er sagte aber nicht, dass sich gar nichts ändern müsse. Im Gegenteil:

There will, of course, be change at The Post over the coming years. That’s essential and would have happened with or without new ownership. The Internet is transforming almost every element of the news business: shortening news cycles, eroding long-reliable revenue sources, and enabling new kinds of competition, some of which bear little or no news-gathering costs. There is no map, and charting a path ahead will not be easy. We will need to invent, which means we will need to experiment. Our touchstone will be readers, understanding what they care about – government, local leaders, restaurant openings, scout troops, businesses, charities, governors, sports – and working backwards from there. I’m excited and optimistic about the opportunity for invention.

Das althergebrachte Zeitungsmodell, nach welchem auch die Washington Post funktioniert, bedeutet: tägliche Erscheinungsweise; Bündelung von Nachrichten, die nichts miteinander zu tun haben, zu einem Gesamtpaket; weitgehende Einbahnstraßenkommunikation; Beiträge, welche den gleichen Wissensstand und die gleichen Interessen bei allen Lesern voraussetzen. Damit kann man als amerikanische Traditionszeitung zwar noch Pulitzerpreise gewinnen, verliert aber den Anschluss an immer mehr Nutzer, deren Mediennutzungsverhalten sich an Facebook, Twitter,  Flipboard und eben Amazon orientiert: Gebt mir meine relevanten Nachrichten, wann und in welchem Kontext ich sie brauche, und lasst mich dabei mitreden. (Nachtrag: Und lasst mich mit One-Click bezahlen.)

Wenn die Washington Post die Nachrichten- und Kommunikations-Bedürfnisse der individuellen Nutzer in den Mittelpunkt stellt und damit künftig mehr wie Amazon funktioniert als wie ein Massenmedium aus dem 20. Jahrhundert, dann wäre das eine gute Nachricht. Ich bin jedenfalls erheblich optimistischer, was den Verkauf der Wapo an Jeff Bezos betrifft als den Verkauf von Hamburger Abendblatt und  Berliner Morgenpost an die Funke-Gruppe.

Foto: Daniel X O’Neil, Wikimedia Commons

 

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10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  6. Nach meinen Geschichtskenntnissen haben Söldner oft sehr gut verdient. Manche haben sich dabei vielleicht als Missionare ausgegeben. Aber auch den Conquistadores ging es nie um den lieben Gott, sondern immer nur ums liebe Geld.

  7. Pingback: Links #44 | MainfrankenZweiNull

  8. “Gebt mir meine relevanten Nachrichten, wann und in welchem Kontext ich sie brauche” Ich traue den Algorithmen nicht zu, zu wissen, wann ich welche Infos brauche. Es ist zwar auch heute illusorisch zu glauben, man wäre in seinem Medienkonsum selbstbestimmt, aber mich ganz darauf zu verlassen, dass “das Relevante” schon automatisch an mir vorbeigespült wird, kommt mir doch etwas naiv vor und ist seitens der News-Provider auch eine ziemlich paternalistisch anmaßende Haltung. Auch wenn der BND nicht das Valley ist: Den “deutschen Nutzer” beispielsweise am .de-Mailsuffix oder der +49-Vorwahl erkennen zu wollen, zeigt doch, dass große Player in dem Spiel mit den #filtersfromhell die Realität nicht annähernd abbilden

  9. Jeff Bezos wird dafür sorgen, dass sich die Bedürfnisse / Interessen der Leser deutlich stärker im Angebot niederschlagen. Das wird aus subjektiver Sicht die Qualität der Zeitung verbessern. Im digitalen Angebot lässt sich so natürlich auch eine individuelle Themengewichtung vornehmen. Die Einheitsmischung ließ sich in der gedruckten Vergangenheit nicht vermeiden, aber heute wird noch viel zu sehr daran festgehalten.

    Indem Jeff Bezos privat investiert, kann er in Ruhe experimentieren und muss Fehlschläge nicht rechtfertigen. So schützt er außerdem den Ruf von Amazon. Findet er ein Erfolgsmodell, kann immer noch eine Eingliederung bei Amazon folgen. Hier wird es darauf ankommen, welche Rolle die Washington Post dann übernimmt, da ist ja einiges denkbar – vielleicht sogar das Zeitungsabo als Teil von Amazon Prime. Wenn das für Amazon bei Video-on-Demand-Inhalten Sinn ergibt, warum nicht auch für Zeitungsinhalte?

    Findet sich allerdings eine Lösung, wie sich mit Nachrichtenjournalismus direkt gutes Geld verdienen lässt, dürfte es für Bezos gewinnbringender sein, wenn Amazon sich auf einen neutralen Vertrieb konzentriert und die Washington Post keine Sonderbehandlung erfährt und damit deshalb auch nicht eingegliedert wird.

  10. @Jolle

    Die Amazon Algorithmen sind erheblich intelligenter. Sie können weit mehr als Nutzer an der Vorwahl oder Medienendung einzuteilen. Außerdem steht ja nirgendwo festgeschrieben, dass menschliche Entscheidungen keine Rolle spielen dürfen. Algorithemen können eine redaktionelle Bewertungsgrundlage sein – eine erheblich bessere als die meist unbewiesene Behauptung “die Leser interessiert das nicht”. Wenn Redaktionen durch Algorithmen wissen, z.B. nicht nur wo ihre Nutzer wohnen (Adresskartei), sondern auch wo sie arbeiten, wo ihre Kinder zur Schule gehen, in welchen Stadtteilen sie gerne ihre Freizeit verbringen, dann ist das eine Voraussetzung für personalisierte mobile Angebote – meines Erachtens eine zukunftsträchtige Form von lokalen Nachrichtenangeboten.

    @Oliver Springer

    Ja, das sehe ich ganz genauso!