Drei essentielle Fragen, die bei #tag2020


Daily NewsDie erste Runde der Spiegel Online Debatte #tag2020 zur Zukunft oder Nicht-Zukunft der Tageszeitung ging am Montag mit einem Gastbeitrag von Daniel Bröckerhoff zu Ende. Während manche ja finden, dass über die Zukunft oder die Misere schon alles gesagt wurde, nur noch nicht von jedem, bin ich der Meinung, dass einiges gar nicht angesprochen wurde. Hier sind drei Aspekte, die mir – aus Nutzersicht – bisher in dieser Debatte zu kurz kamen.

1. Warum sollte mir eine Tageszeitung etwas wert sein?

Es ist lange her, dass eine Tageszeitung bei mir einen Kaufimpuls ausgelöst hat. Ich meine damit nicht die Art von suchtmäßigem Bedürfnis, das zum Beispiel durch neue verfügbare Folgen von “Breaking Bad” oder “Homeland” ausgelöst wird, sondern eher das latent gute Gefühl, das beim Abschluss eines “Wired”-Abos entsteht. Das Abo kostet mich 20 Dollar im Jahr und ich weiß, dass es sein Geld wert ist, selbst wenn ich von zwölf Ausgaben nur drei gründlich lese, die restlichen überfliege und die im Abopreis mit enthaltenen iPad-Ausgaben so gut wie nie aufrufe. Beim Neu(-abschluss) eines Abos denke ich automatisch an die interessanten Geschichten, die ich bisher in diesem Magazin gelesen habe und dass ich viele Themen nur bei “Wired” oder in dieser besonderen Aufbereitung nur bei “Wired” bekomme. Außerdem ist es auch optisch eine Freude, das Heft anzuschauen. Kurzum: Mit meinem “Wired”-Abo leiste ich mir für wenig Geld etwas Einzigartiges. 20 Dollar im Jahr sind dafür eigentlich zu preiswert, der gefühlte Gegenwert ist höher.

Bei einer Tageszeitung ist es umgekehrt. Egal ob am Kiosk gekauft oder im (Digital-)Abo bezogen, ich habe nicht das Gefühl, einen fairen Preis für Themen und Informationen zu bezahlen, die ich nirgendwo anders bekomme. Momentan kann ich hier in Seattle ganz gut die Probe aufs Exempel machen, denn die örtliche “Seattle Times” hat seit einigen Monaten eine Paywall, sie verlinkt aber per Twitter auf Beiträge hinter der Paywall. Bisher ist es mir noch jedesmaö gelungen, mit wenigen Mausklicks auch anderweitig an die entsprechende Information zu kommen. Den Beweis liefern gelegentliche Gegenproben mit anderen Geräten, mit denen ich das monatliche Limit noch nicht ausgereizt habe.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist gar nicht die Bündelung verschiedener Themen, die mich an Printmedien oder Digitalabos stört. Die erwarte ich, wenn ich eine abgeschlossene Ausgabe mit einer gewissen Dramaturgie kaufe. (Einzelne Nachrichten finden mich in meinem personalisierten Nachrichtenstrom ohnehin viel besser.) Aber bei dem von Printapologeten so oft beschworenen Bild einer Wundertüte muss ich eher an die wenigen Male denken, wo ich als Kind mein Taschengeld am Kiosk ließ und statt der tollen Dinge auf dem Bild der Wundertüte darin nur billigen Plunder fand. Wenn man alles abzieht, was in einer durchschnittlichen Tageszeitung steht und was nicht auch anderswo zu haben ist, dann bleibt zu wenig übrig, das einzigartig und wertvoll erscheint. Gebt mir wenigstens eine oder zwei Themen pro Tag, die mich wirklich interessieren und die ich nirgendwo anders bekomme, dann würde ich auch dafür bezahlen.

2. Warum sollte ich mich mit einer Tageszeitung identifizieren?

Meine “Wired” Ausgaben auf dem Couchtisch kennzeichnen mich als Geek (und das Jahresfreiabo für einen Freund, das in meinem Abopreis enthalten ist, macht mich zum Mäzen). Das digitale Magazin Ausgaben), sondern auch, weil es von Unternehmerjournalisten auf die Beine gestellt wird. Und mit denen identifiziere ich mich. Das West Seattle Blog ist nicht nur ausgesprochen nutzwertig, wenn man hier wohnt, sondern erzeugt auch Lokalpatriotismus. Das ist  unser Blog, es greift unsere Themen auf und setzt sich für uns ein. Kurzum: Diese drei so unterschiedlichen Medien erzeugen ein Dazugehörigkeitsgefühl. Das hat eine Tageszeitung bei mir noch nie geschafft, selbst der “Kölner Stadt-Anzeiger” nicht, mit dem ich aufgewachsen bin und den ich ab circa 1992 bis zu meinem Wegzug aus Köln abonniert hatte (in den letzten Jahren allerdings nur noch, weil es ein verbilligtes Mitarbeiterabo war). Lokale Themen müssten in Köln auf “Veedelsebene” für die Südstadt, das Belgische Viertel oder Sülz etc. aufgegriffen werden, um ein lokales Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Stattdessen orientierten sich die dürren sublokalen Ausgaben an den innerstädtischen Bezirksgrenzen, die außer Lokalpolitiker und die Verwaltung niemanden interessieren. In all den Jahren in Köln gab es für mich kein “unser Medium vor Ort”. Das West Seattle Blog schafft das spielend und will von seinen Nutzern noch nicht einmal Geld dafür (es finanziert sich profitabel durch Anzeigen).

3. Was nutzt mir eine Tageszeitung wirklich?

Der Vergleich der Monatszeitschrift “Wired” mit einer Tageszeitung ist natürlich nicht ganz fair. Die Zeitung handelt mit viel schneller verderblicher Ware. Aber gerade deshalb könnten regionale Tageszeitungen, die sich doch auf die Fahne schreiben, Orientierung zu bieten und Leitmedium vor Ort zu sein, viel mehr darum bemühen, diesen Anspruch auch einzulösen. Und zwar auch mit ganz konkretem Nutzwert. Die für mich wichtigere lokale App ist nicht die mobiloptimierte Ausgabe der normalen Tageszeitung, sondern eine, die mir Informationen liefert, die ich vor Ort in ganz bestimmten Situationen brauche. Eine Art lokaler Community-Staumelder (Waze), lokales Yelp, lokales Preisvergleichportal mit lokalem Lieferdienst, aktuelle Notfallnummern, Echtzeit-Börse für Mitfahrgelegenheiten oder Handwerkerdienste, etc.. Für immer mehr dieser mobilen lokalen Bedürfnisse gibt es Apps, aber die stammen in der Regel von Technologieunternehmen, nicht von den Leitmedien vor Ort.

Lokaler Nutzwert bedeutet auch anwaltschaftlichen Journalismus: Schreibt nicht nur einen folgenlosen Leitartikel oder Kommentar, der morgen schon wieder vergessen ist, sondern bleibt dran und setzt Euch für die Belange der Bürger ein. Ein positives Signal setzte beispielsweise die Rhein-Zeitung beim Thema Seilbahn und Unesco. Sie erkannte ein Anliegen für richtig und wichtig und ließ nicht locker. Einen neutralen Standpunkt nahm sie dabei nicht unbedingt stets ein, aber viel wichtier war doch: Sie bewirkte etwas, das über den Tag hinaus geht. Das lokale Non-Profit-Medium Voice of San Diego verfährt bei kommunalpolitisch bedeutsamen Themen grundsätzlich anwaltschaftlich: Erst werden die Bürger befragt, dann die Kommunalpolitiker mit den Vorstellungen der Bürger konfrontiert, nicht umgekehrt.

Das ist dreimal konkreter Mehrwert, die eine Tageszeitung für mich aus Nutzersicht wieder zu einem wertvollen Produkt machen würden. Aus meiner persönlichen Sicht mit meinen lokalen Medienerfahrungen. Natürlich lösen einzelne regionale Zeitungen einzelne dieser Ansprüche mehr oder weniger gut ein. Aber es gibt eben auch viele, die das nicht tun. Klar ist auch: Ich bin nur eine Mediennutzerin unter vielen mit Ansprüchen an ein zeitgemäßes lokale Medium. Auf weitere geäußerte Ansprüche, die jetzt hoffentlich in den über tausend Kommentaren zur Spiegel Online Debatte herausgefiltert werden, bin ich gespannt. Kritik und Ergänzungen natürlich gerne auch hier.

Illustration: Shutterstock

 

 

 

 

 

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Genau das ist das Problem, die Tageszeitung müsste ganz neu gedacht werden. Die Verlage trauen sich das aber nicht, weil sie nicht wissen, ob sie mit einem grundlegend neuen Konzept auch wirklich neue Leser locken können. Daher setzen sie so lange auf Bewährtes bis der letzte Leser das Abo gekündigt hat.