In 18 Stunden von der Idee zur App


Journalism++

Die Datenjournalismus-Szene in Deutschland hat ein weiteres lokales Einsatzteam: Mirko Lorenz, Cosmin Cabulea und Gregor Aisch haben einen Journalism++ Ableger in Köln gestartet. Das Netzwerk wurde Ende 2011 von den ehemaligen OWNI-Datenspezialisten Nicolas Kayser-Bril und Pierre Romera in Paris und Berlin gegründet. Was will Journalism++ erreichen? Warum ist das Tool Datawrapper so erfolgreich? Und warum sind kleine externe Datenjournalismus-Teams in Deutschland offenbar innovativer als große Redaktionen? Ein Gespräch mit Mirko Lorenz.

Mirko LorenzWas ist Journalism++ ? 

Wir sind eine Organisation von datenjournalistischen Teams, die unter einer gemeinsamen Marke auftreten, aber rechtlich voneinander unabhängig sind. Wir haben Teams in Stockholm, Amsterdam, Paris und Berlin und ab sofort auch ein Team in Köln. Das ist unser fünfter Standort innerhalb von einem Jahr in einer europäischen Großstadt. Das Kölner Team besteht aus dem Programmierer Cosmin Cabulea und mir. Als stiller Teilhaber ist auch Gregor Aisch dabei.

Was macht Ihr?

Unser Claim lautet: Wir sind ein Netzwerk von Datenjournalisten, die aus großen Datenmengen relevante, interessante und verblüffende Geschichten filtern.

Ist das nicht per se der Sinn des Datenjournalismus?

Ja, natürlich. Aber interessant ist, dass es eine Ausweichbewegung gibt. Das Wissen wird nicht in die vorhandenen Redaktionen integriert, sondern außerhalb. Wir starten auf eigene Faust ohne die großen Medienmarken. Das halte ich schon für einen merkbaren Wandel, dass wir versuchen – natürlich auch zusammen mit Medienmarken, aber auch mit anderen Institutionen, mit NGOs und mit jedem, der dazu bereit ist – durch Datenanalysen Geschichten besondere Tiefe zu geben. Wir sind Vielflieger geworden und geben Workshops in aller Welt. Unsere kleine Gruppe wird gerade so sehr nachgefragt, wir müssen uns ständig untereinander fragen, wo bist Du gerade? Gregor  Nicolas ist zum Beispiel gerade in Singapur.

Ist das Innovationstempo in den Medienhäusern und Redaktionen zu langsam?

Ja, viel zu langsam. Vor allem, wenn es um eine rasche Nutzung vorhandener Technologien für Journalismus geht. Egal wo man im Moment fragt, fast überall stecken alle gerade im Relaunch – fangen damit an oder schließen einen ab. Bis dahin geht nichts anderes. Und am Ende kommt dabei dann doch nur ein Angebot heraus, dass es so mehr oder minder schon hundert Mal gibt.

Data Journalism HandbookEin Element des Datenjournalismus ist ja nun, auf aktuelle Ereignisse schnell zu reagieren. Eine eigene Applikation, Anwendung oder Visualisierung in sehr kurzer Zeit zu entwickeln. Um eine große Menge an Daten oder Dokumenten zu durchforsten. Oder zugespitzt eine Entwicklung zu visualisieren. Oder relevante Daten zu finden, aufzubereiten und daraus eine einzigartige, im besten Falle überraschende Sicht zu entwickeln. Daten sind im Grunde eine “neue Kamera”, ein Weg das Geschehen genauer aufzuzeichnen und zu erklären. Dafür ist, fast überall, “keine Zeit”. Das meine ich mit zu langsam. Deutsche Zeitungen springen aber allmählich auf das Thema Datenjournalismus an. Die Dortmunder Ruhr Nachrichten sind hervorzuheben, die sind ähnlich wie die Rhein-Zeitung sehr offen und probieren Dinge aus. Das Klima im Newsrooom ist entsprechend positiv, man darf da Dinge ausprobieren.

Was tut Ihr, um den Datenjournalismus in Europa nach vorne zu bringen? 

2010 haben wir ein Datawrapper-Chart eingebettet wurde.

DatawrapperWarum ist dieses Tool so erfolgreich?

Redakteure mögen einfach zu erstellende Charts, weil sie damit innerhalb vorgegebener Deadlines ihre Geschichten ergänzen können. Redaktionen können den Datawrapper auf ihren eigenen Servern nutzen. Wir sind eine der wenigen Plattformen, die das zulassen. Wir möchten, dass die Daten bei den Nutzern liegen und dass Medien das Programm ihrem eigenen Layout anpassen und wir unterstützen sie dabei.

Mit Datawrapper habt Ihr ja auch Preise gewonnen.

Ja, mehrere: Wir sind der 2012 Gewinner der African Media Initiative. Wir hoffen mit dem Geld, das leider noch nicht da ist, in Afrika mit Entwicklern zusammen zu arbeiten und afrikanischen Medien helfen zu können. Zuletzt sind wir beim Global Editors Network News Summit in Paris in der Kategorie Best Start-Up for News ausgezeichnet worden. Wir sind mittlerweile mit angepasstem Layout im Einsatz bei führenden Zeitungen, darunter Der Standard, Neue Zürcher Zeitung, The Guardian, Helsingin Sanomat, L’Equipe und viele weitere. Über 1000 Websites nutzen Datawrapper. Wir haben über 4.000 aktive angemeldete Nutzer und wir wachsen weiter von Monat zu Monat.

Broken PromisesWie viele Leute haben am Datawrapper gearbeitet? 

Die gesamte technische Infrastruktur, alle Charts, das haben im Grunde zwei Leute gemacht. Wir haben mit Gregor Aisch einen Spezialisten gefunden und von seinem Know-how enorm profitiert. Gregor ist ein Übertalent als Journalist und Programmierer. Finanziert durch die Unterstützung des ABZV hat er im vergangenen Jahr fast komplett am Datawrapper gearbeitet, was man auch merkt. Ein Projekt mit  zwei Vollzeit-Leuten schafft es, die technische Infrastruktur und ein Werkzeug hoch zu ziehen, dass weltweit auf Interesse stößt – und die technische Infrastruktur besteht aus Amazon Web Services, Cloudfront, etc. und ist nicht teuer. Auch das ist eine Kompetenz, die wir uns in der Redaktion wünschen – nicht nur in der IT-Abteilung.

Warum gelingt es Medienhäusern eher schlecht, datenjournalistisches Know-how im eigenen Haus aufzubauen? 

Medien verhandeln mit Talenten falsch. Entwickler brauchen ein Mindestmaß an finanzieller Sicherheit. Einen Retainer, eine Pauschale, damit sie Qualität liefern können ohne sich sorgen zu müssen, wo das Geld für ihre Miete herkommt. In der Entwicklerszene würden viele gerne mal für eine Medienmarke arbeiten, die sind davon fasziniert. Wenn man an irgendwelcher Ticketbuchungs-Software fünf oder sechs Jahre lang arbeitet, das ist total langweilig. Medienmanager sehen diese technisch begabten Talente nicht in ihren Redaktionen, sondern im IT-Bereich. Es liegt aber auf der Hand, zwei oder drei Entwickler in die Redaktion zu setzen, um die Umsetzung von aufwändigen und auch tiefergehenden datengetriebenen Themen zu beschleunigen.

Hack Day TeamSind kleine externe Teams Keimzellen der Innovation? 

Wir arbeiten viel schneller, und zwar in der Regel in Dreierteams: Ein Journalist, ein Programmierer, ein Webdesigner, wobei sich die Fähigkeiten zum Teil überschneiden. Ein Beispiel: Wir haben am ersten Oktoberwochenende in Berlin am Axel Springer Media Hack Day teilgenommen und mit zwei Teams in nur 18 Stunden zwei zwar noch nicht ausgefeilte, aber funktionsfähige Anwendungen gebaut. Es ging darum, Applikationen zu entwickeln, um Zeitungsarchive besser zu nutzen. Eine Anwendung heißt Why What When. Wir wollen damit den Nutzern Ereignisse in einer attraktiven Oberfläche besser erklären. Das andere Projekt heißt Broken Promises. Damit lassen sich zum Beispiel lokalpolitische Versprechen und Ankündigungen später überprüfen – ein Rechercheservice für Journalisten. Dieses Supertempo – 18 Stunden von der Idee bis zur Umsetzung – welche Redaktion hat das denn? In den Medienhäusern sind die Herausforderungen so komplex, dass viele Umsetzungen zwei Jahre dauern.

Kannst Du selbst programmieren?

Nein. Ich kann zwar eine Website aufsetzen, Daten auslesen und das Meiste mit einem gewissem Aufwand verstehen, aber auf professionellem Niveau kann ich nicht programmieren. Ich habe meistens die zugespitzte Idee und das Repertoire und ich weiß, worauf es beim Storytelling ankommt. Der Story-Aspekt ist beim Datenjournalismus nicht zu unterschätzen. Nur wer Medienorganiationen kennt, weiß, wie sich Ideen zu Themen entwickeln und hinter welchen technisch interessanten Ideen auch tatsächlich eine Story steckt.

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