Nate Silver bei der ONA13: Statistik ist cool

Nate SIlver PortraitNate Silver ist so etwas wie ein Rockstar unter den Statistikern. Als einziger hatte er im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 den korrekten Wahlausgang in allen 50 Staaten vorausgesagt. Sein NYT-Blog fivethirtyeight bescherte der New York Times zeitweise mehr Abrufe als die Homepage und macht ihn weltweit bekannt. Sein Buch The Signal and the Noise (Affiliate-Link*) über das Versagen von Statistiken wurde ein Bestseller. US-Sportfans kennen ihn allerdings schon lange vor allem als Experten für korrekte Baseballs-Prognosen. Ab 2014 wird Silver nicht mehr für die NYT bloggen, sondern für den Sportsender ESPN – thematisch ist das eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

Am vergangenen Freitag war Silver als Keynote-Speaker zu Gast bei der Online Journalism Association Conference ONA13 in Atlanta. Sein Vortrag (Video und Audio) sollte in acht knackigen Thesen den anwesenden Journalisten die latente Angst vor Zahlen und Tabellen nehmen und vermitteln: Statistik ist cool.

Nate Silvers Thesen:

1. Statistiken ist mehr als Zahlen. Wer sie einsetzt, muss wissen, was sie bedeuten und wo sie herkommen. Der kritische Verstand ist gefragt (vgl. den Spruch: Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast).

2. Daten brauchen Kontext. Silver zitierte einen Beitrag aus der New York Times. Darin erwähnt der Autor, dass China die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist. Das ist zwar nicht falsch, aber im Zusammenhang des Artikels bedeutungslos. Der zweite Platz ergibt sich allein daraus, dass es 1,2 Milliarden Chinesen gibt, die gemeinsam natürlich eine Menge erwirtschaften. Da es in dem Beitrag aber um die Lebensverhältnisse der Menschen und um Umweltprobleme geht, wäre es sinnvoller gewesen, das Pro-Kopf-Einkommen zu nennen, und dabei steht China weltweit nur auf Platz 93.

3. Korrelation ist keine Kausalität. Nur weil zwei Faktoren eintreffen, heißt das nicht, dass der eine den anderen bedingt. Silvers Beispiel: Medienberichte, nach denen in Regionen mit heißem Klima die Jugendkriminalität höher ist, unterliegen häufig dem Irrtum, das Klima das Ursache für Kriminalitätsraten anzunehmen.

Nate Silver ONA13

4. Durchschnittswerte zählen. Nur weil sich aus statistischen Ausreißern leichter eine gute Schlagzeile bauen lässt, heißt das nicht, dass sie relevanter sind als die “langweiligen” Durchschnittswerte. Im US-Wahlkampf machten Medien regelmäßig den Fehler, über die eine Umfrage, die Romney vor Obama sah, sofort zu berichten, und die zehn Umfragen davor, die Obama vorne sahen, zu ignorieren. Journalistischer Instinkt ist es natürlich, dem Ungewöhnlichen nach zu gehen und nicht dem öden Normalfall. Doch in der Statistik ist das tödlich, sagt Silver. Hätten – keineswegs nur rechtslastige – Medien bei Umfragen und Prognosen die Realität stärker abgebildet, dann wäre Obamas Sieg von vornherein klar gewesen. Bei Fivethirtyeight werten Silver und sein Team eine repräsentative Menge an Umfragen aus – statt vorwiegend solche, die ins Bild passen.

5. Intuition ist ein schlechter Ratgeber. Warum haben viele Menschen Flugangst, steigen aber täglich ohne Angst ins Auto? Weil sie das statistische Risiko, Opfer eines Flugzeugunglücks zu werden, weit überschätzen; die Gefahr, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, aber unterschätzen. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent, dass ein Ereignis eintrifft, neigen Journalisten dazu, dieses Eintreffen als Tatsache darzustellen, so Silver. Leuten, die sich viel mit Sportstatistiken beschäftigen und Pokerspielern konstatiert er ein in der Regel besseres Verständnis für Wahrscheinlichkeiten als Journalisten.

6. Erkenne Dich selbst (und Deine Annahmen). Niemand betrachtet eine Statistik ohne eigene Thesen und ohne Vorwissen. Doch gerade amerikanische Journalisten, die sich nur zögerlich von ihrem traditionellen Ideal der meist irrigen neutralen Perspektive lösen (von Jay Rosen als view from nowhere kritisiert), neigen dazu, ihr eigenes Weltbild zu verleugnen. Dabei sind Vorannahmen nichts Schlechtes, sagt Silver. Kein Wissenschaftler würde ohne Thesen an ein Experiment herangehen. Doch zur Wissenschaft gehöre es eben auch, Thesen zu revidieren, wenn die Fakten Thesen nicht stützen. Diese intellektuelle Redlichkeit fordert er auch von Journalisten.

 

7. Insiderwissen ist der Feind der Objektivität. Insiderinformationen sind meistens Interessen gesteuert. Wer sich als Journalist von ihnen zu sehr beeinflussen lässt, vergisst leicht, dass außerhalb der eigenen Informationsblase auch andere Wahrheiten existieren.

8. Journalisten sollten Prognosen wagen. Dieser Punkt überrascht. Silver glaubt, dass Journalisten, die sich auf Aussagen über die Zukunft festlegen, stärker geneigt sind, ihre Annahmen empirisch zu untermauern. Das allerdings wage ich – ohne diese These empirisch überprüft zu haben – zu bezweifeln.

 

Nate Silver Portrait: Greg Peverill-Conti / Flickr , cc-Lizenz

*Offenlegung: Bei einer Bestellung des Buches über den obigen Link bekomme ich von Amazon eine kleine Verkaufsprovision. Dies ist eine Möglichkeit zur Refinanzierung des Aufwands für dieses Blog beizutragen.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sorry, Nate Silver das ist gut, , aber die zehn Punkte sind Currculum Grundkurs Statistik 1 und oder Empirie 1 im inzwischen abgeschaften Magister oder Diplom Studiengang Soziologie …Die gesellschaftlich völlig unterschiedlichen Funktionen von hier Journalisten und Medien hier und Sozialwissenschaftlern und Soziologen dort verhindern, dass ein Journaliist den Unterschied zwischen einer Studie und einer repräsentativen – oder Langzeitbetrachtung versteht bzw. er dies in seinem Artikel deutlich machen kann. Daher sind schlechte Soziologen oft noch gute Journalisten, aber Journalsten fast nie gute Statistiker. …

  2. fuhriello: Klar, das stimmt. Aber Nate Silver sprach ja bei einem Journalistenkongress zu Journalisten. Und für die sind die zehn Punkte (oder einige davon) durchaus Neuland. Wäre das nicht so, dann hätte auch das Bildblog weniger zu tun …

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