Neue iPad App will Scheu vor Datenjournalismus nehmen

ABZV Datenjournalismus

Fast fünf Jahre nachdem der Guardian mit seiner damals bahnbrechenden datenjournalistischen Aufbereitung des Spesenskandals der britischen Unterhausabgeordneten die Ära des modernen Datenjournalismus einläutete (dessen Merkmale: digital, interaktiv, offene Quellen, offene Recherche, Daten in öffentlicher Domain) herrscht in vielen journalistischen Redaktionen noch immer Unklarheit, ob und wie Datenjournalismus eingesetzt werden kann und sollte. Können wir uns das leisten? Ist das nicht viel zu aufwändig? Und wie fängt man damit überhaupt an? Über diese Fragen sind vor allem kleinere Redaktionen mit wenig Ressourcen noch kaum hinaus gekommen. (Das ist in Großbritannien allerdings auch nicht so viel anders, wie dieser Beitrag bei journalism.co.uk zeigt.)

ABZV App LogoGenau hier, nämlich ganz am Anfang, setzt das ABZV Bildungswerk der Zeitungen mit seinem neuen kostenfreien Reader an. Das digitale Magazin für Einsteiger in das Thema Datenjournalismus gibt es als iPad App* und als pdf-Ausgabe. Anhand vieler Beispiele, nicht nur der datenjournalistischen Leuchttürme Guardian und New York Times, sondern vor allem auch praxisnah aus den Niederungen des Lokaljournalismus, erklärt der Reader Schritt für Schritt, wie Datenjournalismus im Lokalen eingesetzt werden kann. Außerdem wird der Einsatz des Datawrapper-Tools erläutert, das seit drei Jahren vom ABZV (bis auf die Pro-Version) kostenfrei zur Verfügung gestellt und inzwischen von Online-Redaktionen in aller Welt eingesetzt wird.

Für den Reader führte Christian Jakubetz, der die Universalcode-Plattform des ABZV (mit u.a. einem Datenjournalismus-Dossier) betreut, Videointerviews mit Mirko Lorenz und Philipp Ostrop und weiteren Protagonisten des Datenjournalismus. Mirko Lorenz gehört zum Entwicklerteam des Datawrapper und ist international erfahrener Datenjournalismus-Trainer. Er erklärt beispielsweise, wie sich Redaktionen mit Daten neue Erlösquellen erschließen können.

Vor drei Jahren hatte mir Mirko Lorenz zum Start des Datawrapper erläutert: “Wir haben schlicht eine Barriere weggeräumt – die Publikation ist mit Tools wie Datawrapper deutlicher leichter.” Die Software schütze  Journalisten allerdings nicht davor, neugierige Fragen an Daten zu stellen, die Daten und ihre Quellen sehr genau zu prüfen und Auslassungen richtig zu deuten.

Diese Aussage gilt auch heute noch. Doch inzwischen hat sich auch gezeigt, dass viele Journalisten und Redaktionen gerade beim statistik- und technikgetriebenen Datenjournalismus noch stärker begleitet werden müssen. Überspitzt gesagt: Wer bis heute noch nicht einmal das relativ leicht zu bedienende Tool Datawrapper ausprobiert hat, wird ohne Anleitung wahrscheinlich auch weiterhin keinen Datenjournalismus einsetzen. Das ABZV will deshalb ab sofort seine Schulungen in diesem Bereich verstärken, mit gestaffelten Angeboten für einzelne Journalisten und ganze Redaktionen. “Was es braucht, um die Kompetenz für Datenjournalismus weiter aufzubauen sind einzelne Spezialisten in der Redaktion, die auch etwas komplexere Visualisierungen rasch umsetzen können – hier besteht aktuell der größte Mangel”, betont Mirko Lorenz.

Er schätzt auf Basis der Trainings-Erfahrungen, dass auch Datenjournalismus-Skeptiker mit Hilfe der Readers leichter Zugang zu dem Thema finden können: “Selbst wer noch nie von Datenjournalismus gehört hat, erkennt auf Basis von Beispielen sehr rasch die Möglichkeiten die dieser Bereich bietet – hier bieten sich Chancen bei vielen Themen ganz anders, vertieft und mit mehr Wirkung zu berichten.” Gerade regionale/lokale Medien können profitieren, hier würden Daten gesammelt und visualisiert, die es sonst nirgendwo gibt. “Das Interesse der Leser/Nutzer an solchen Übersichten, Einordnungen ist groß – wenn es gute Beispiele gibt und klare Antworten zu Situationen, Veränderungen, Plänen oder persönlichen Perspektiven der Nutzer”, glaubt Mirko Lorenz.

Einer, der das bezeugen kann, ist Philipp Ostrop. Er leitet die Stadtredaktion der Dortmunder Ruhr Nachrichten – eine der wenigen Lokalredaktionen, die schon etwas länger und intensiver mit Daten im lokaljournalistischen Storytelling experimentieren. Er berichtet im Videointerview über seine Erfahrungen bei der Umsetzung datenjournalistischer Projekte und darüber, wie man die Redakteure bei diesem Thema mitnimmt.

Alle Videos aus dem Reader sind auch bei YouTube abrufbar.

*Anmerkung: Ich vermute, dass die App noch etwas instabil ist. Jedenfalls ist sie auf meinem iPad abgestürzt und ließ sich nicht mehr starten. Ich habe mir dann stattdessen die pdf-Ausgabe und die YouTube Videos angesehen.

Weitere Informationen zum Reader und zu den Schulungen des ABZV gibt es bei Beate Füth, Leiterin der ABZV, info@abzv.de, +49 -228 -20776624.